Light is the composition - Royal Talens
Light is the composition - Royal Talens

Denken Sie weniger, schauen Sie mehr

Früher interessierte ich mich hauptsächlich für das Zeichnen von Cartoons und Karikaturen. Als ich mit dem Malen begann, dachte und schaute ich weiterhin wie ein Zeichner.

Später wurde mir bewusst, dass man nicht einfach das malt, was man zu sehen glaubt, sondern vor allem das, was man tatsächlich sieht. Ein Beispiel: ein Apfel vor einer Wand. Wenn man durch die Wimpern schaut, verschmilzt der Schatten dieses Apfels möglicherweise fast vollständig mit dem Hintergrund.

Als Anfänger neigt man schnell dazu, einen Apfel so zu zeichnen, wie man glaubt, dass er aussieht. Doch wenn man wirklich lernt, Hell und Dunkel zu betrachten, entdeckt man etwas anderes: Manchmal wird nur ein kleiner Teil der Form durch das Licht sichtbar gemacht. Für mich war das eine wichtige Erkenntnis: Weniger nachdenken, genauer hinschauen.

Licht und Schatten bestimmen alles

Licht ist nichts, was man erst ganz am Ende hinzufügt. Von Anfang an bestimmt es gemeinsam mit dem Schatten, wie Ihre Zeichnung letztendlich aussehen wird.

Schon zu Beginn können Sie sich fragen: Woher kommt mein Licht? Wo fallen die Schatten und wo liegen die Übergänge, die die Form definieren? Ein Scheinwerfer, Tageslicht, Sonnenschein oder Bewölkung: Je nach Lichtquelle kann dieselbe Pose völlig unterschiedlich wirken. Selbst ein faszinierendes Licht, das von unten kommt, schafft eine völlig andere Atmosphäre.

Ich habe einmal ein wunderschönes Gemälde gesehen, auf dem eine Frau auf einem Perserteppich lag. Ein scharfer Sonnenstrahl fiel diagonal über ihren Körper und einen Teil des Teppichs. Das Licht war so stark, dass man sie fast übersehen hätte. Tatsächlich bildete dieser Lichtstrahl die Komposition. Erst wenn man genauer hinsah, entdeckte man das Modell. Das hat mir gezeigt, wie ausdrucksstark Licht sein kann.

Denn ohne Dunkelheit gibt es in einem Gemälde kein Licht. Ganz gleich, wie viel Weiß man verwendet – es beginnt erst durch sein Gegenstück zu leuchten. So wie warme und kühle Farben einander brauchen, so brauchen sich auch Hell und Dunkel.

Schwarz verwenden oder nicht?

Eine der Erkenntnisse, die ich in der Vergangenheit gewonnen habe, war, dass man Schwarz eigentlich nicht verwenden sollte.

Doch nach jahrelangem Studium der Alten Meister – darunter Rembrandt und andere Maler des 17. Jahrhunderts – bin ich zu einer anderen Sichtweise gelangt. Tatsächlich verwende ich Schwarz nun einfach wieder. Werfen Sie doch einmal einen Blick auf *Die Anatomievorlesung* im Mauritshuis; wenn Sie dort kein Schwarz erkennen können, bin ich ratlos. Das bedeutet natürlich nicht, dass Schwarz automatisch ein schönes Gemälde ergibt. Es kommt ganz darauf an, was man daraus macht.

Und dann ist da noch etwas zu Weiß zu sagen, denn ich verwende es eigentlich nie einfach so in seiner reinen Form. Schließlich hat Licht in der Natur immer eine Farbe. Ein weißer Gegenstand im Freien wird von der Sonne, dem blauen Himmel und den Farben seiner Umgebung beeinflusst.

Nehmen Sie zum Beispiel Schnee. Im Schatten kann Schnee ein wunderschönes Blau oder Violett annehmen. Umgekehrt lässt ein Hauch von Farbe im Weiß den sonnenbeschienenen Schnee vor dem kühlen Schatten hervorstechen. Dieses Wechselspiel von warm und kühl macht den Anblick der Szene zu einem Genuss.

In der Natur stehen Komplementärfarben oft subtil nebeneinander: Blau und Orange, Gelb und Purpur, Rot und Grün. Die Impressionisten verstanden es, diesen Effekt zu betonen. Denken Sie an die Mohnblumen in Monets grünem Gras oder an Van Goghs Café. Es ist eine Augenweide. Wenn Sie sich dessen bewusst sind, können Sie es auch auf Ihre eigene Weise umsetzen.

Kunstwerk „Muscheln“ von Nard Kwast.

Nard über das Kunstwerk:

In diesem Kunstwerk spiele ich mit echtem Hell und Dunkel. In der mittleren Muschel schaffe ich das hellste Licht und den größten Kontrast. Gleichzeitig ist dort auch der Komplementärfarbkontrast sehr subtil eingebunden: blaues und orangefarbenes Licht. Ohne dieses Blau (Königsblau gemischt mit Weiß) würde das gesamte Gemälde nicht funktionieren.

Tiefe und Charakter in den Schatten

Versuchen Sie, den Schatten ein Gefühl von Tiefe und Lebendigkeit zu verleihen, indem Sie sie nicht vollständig mit Farbe übermalen. Wenn ich im Dunkeln durch mein Haus gehe, spüre ich immer noch eine Art von Tiefe, obwohl ich fast nichts sehen kann. Schließlich ist es keine durchgehend schwarze Fläche vor meinen Augen, und doch sehe ich nichts.

Für mich ist Rembrandt ein brillantes Beispiel dafür. Einige seiner Werke sind dunkel, und doch steckt Leben in den Schatten. In dieser Dunkelheit verbirgt sich eine enorme Fülle an Nuancen. Dadurch ist die Dunkelheit nicht leer, sondern bleibt ein integraler Bestandteil des Gemäldes.

Dieses Gefühl von Lebendigkeit lässt sich auch auf andere Weise erzielen. Warm und kühl, satt und gedämpft, scharf und weich – all dies kann ein Gemälde zum Leben erwecken. Denken Sie nur an die Schatten in Monets berühmten Heuhaufen. Dort gibt es kein Schwarz, sondern nur Farbe.

Sie können den Blick des Betrachters lenken

Ich denke, das ist vielleicht eine der schönsten Entdeckungen. Sie können auch Hell, Dunkel und Farben einsetzen, um den Blick des Betrachters zu lenken.

Ich habe einmal einige wunderschöne Porträts gesehen, in denen fast alle Schatten sehr sanft gemalt waren. Der Schatten unter der Nase, um den Mund herum, im Haar und in der Kleidung: Nirgendwo waren die Kontraste übermäßig hart. Doch die Pupillen waren tiefschwarz und scharf gezeichnet.

Und das funktionierte hervorragend. Als Menschen schauen wir ganz natürlich auf ein Gesicht und vor allem auf die Augen. Indem dort der schärfste Kontrast eingesetzt wurde, wurde der Blick des Betrachters noch stärker auf diese Stelle gelenkt.

Man kann dasselbe Prinzip aber auch missbrauchen. Angenommen, Sie malen neben diesen Augen ein Schmuckstück, das ebenso scharf, dunkel und detailreich ist. Das erzeugt fast eine Art visuellen Kurzschluss. Man möchte die Augen betrachten, doch gleichzeitig zieht der Schmuck die Aufmerksamkeit auf sich. Dasselbe kann mit einem farbenfrohen Objekt im Hintergrund geschehen.

Kunstwerk „Stillleben mit Schlittschuhen“ von Nard Kwast.

Nard über das Kunstwerk:

„Insgesamt ist das Bild etwas gedämpfter, aber gerade diese Farbtupfer des Schals erzeugen eine Art ‚Sog‘, der Ihre Aufmerksamkeit ganz natürlich auf diese Stelle lenkt. Sie sehen also, dass ich versuche, Farbe sehr subtil einzusetzen, anstatt es zu übertreiben.“

Nützliche Tipps

Prüfen Sie Ihre Komposition mit halb geschlossenen Augen

Schließen Sie die Augen halb und blicken Sie durch Ihre Wimpern. Wohin richtet sich Ihre Aufmerksamkeit als Erstes? Versuchen Sie, so wenige Details wie möglich wahrzunehmen, sodass nur die großen hellen und dunklen Bereiche übrig bleiben. Wo ist der größte Kontrast? Welche Formen verschwinden fast im Hintergrund? Wo befinden sich die hellsten Lichter und die dunkelsten Schatten? Dadurch wirkt ein Bild plötzlich viel einfacher und klarer.

Führen Sie vorab kleine Farbstudien durch

Versuchen Sie, verschiedene Variationen mit Komplementärfarben aus dem Farbkreis zu erstellen. Malen Sie beispielsweise ein kleines Porträt, Stillleben oder eine Landschaft, lassen Sie dabei jedoch alle Details weg. Bei einem Gesicht müssen Sie weder die Augen noch den Mund oder andere Details malen. Sie können höchstens die Augenhöhlen und einen kleinen Schatten unter der Nase andeuten. Es geht ausschließlich um die grobe Verteilung von Hell, Dunkel und Farbe.

Oft werden Sie schnell feststellen, welche Kombination am besten funktioniert und welche Ihnen am besten gefällt. Schon mit wenigen kleinen Studien erhalten Sie ein Gefühl für die Atmosphäre und die Farbwirkungen des fertigen Gemäldes.

Studien wie diese haben mich gelehrt, dass es manchmal besser ist, zunächst zu erforschen, wie Hell, Dunkel und Farbe zueinander in Beziehung stehen, bevor man sich in den Details verliert. Ich habe gelernt, dass Details Ihr Kunstwerk nicht retten werden, wenn etwas an den Grundlagen nicht ganz stimmt.

Vielleicht ist das letztendlich eines der wichtigsten Dinge, die ich im Laufe der Jahre über das Erstellen von Kompositionen gelernt habe: Betrachten Sie zuerst das Gesamtbild und erst dann die Details. Hell und Dunkel bestimmen maßgeblich, was Sie letztendlich sehen und wohin Ihr Blick fällt.

Und genau deshalb ist Licht für mich nicht mehr etwas, das man einem Gemälde einfach nur hinzufügt. Hell und Dunkel sind die Komposition.

Legen Sie los

Nehmen Sie sich noch heute einen Bleistift oder etwas Farbe zur Hand und erstellen Sie Ihre eigene kleine Farbstudie ohne jegliche Details. Teilen Sie Ihr Ergebnis mit uns und erzählen Sie uns: Was haben Sie in Ihrer Arbeit über Hell und Dunkel entdeckt?

Über den Autor

Dieser Blogbeitrag wurde von Nard Kwast verfasst. Nard Kwast (1973) ist im Norden der Niederlande geboren und aufgewachsen. Er lebt und arbeitet sowohl in den Niederlanden als auch in Belgien. Sein zeichnerisches Talent entwickelte sich bereits in jungen Jahren, und als Teenager entdeckte er seine Faszination für die alten Meister des 17. Jahrhunderts. Seine Entscheidung, Privatunterricht zu nehmen und sich intensiv mit klassischen Ölmaltechniken auseinanderzusetzen, entspringt einer tiefen Leidenschaft für diese traditionellen Methoden und Materialien.

In den vergangenen Jahrzehnten hat Nard einen unverwechselbaren Stil entwickelt, der deutlich an die Maler des 17. Jahrhunderts anknüpft. Er erforscht und verfeinert diesen Stil kontinuierlich weiter und gibt sein Wissen gerne in Meisterkursen weiter.

Erfahren Sie mehr über Nard

Verwandte Blogbeiträge

The Old Masters’ palette and its relevance today - Royal Talens
Malen mit Ölfarben

Die Palette der Alten Meister und ihre Bedeutung in der heutigen Zeit

Maler des 17. Jahrhunderts wie Rembrandt, Vermeer und Hals sind für ihr dramatisches Licht und ihre satten Farben bekannt. Ihre...
Exploring limited palettes and glazing techniques with Ale Casanova - Royal Talens
Malen mit Ölfarben

Mit Ale Casanova begrenzte Farbpaletten und Lasurtechniken entdecken

Eines der wichtigsten Bedürfnisse von Malern ist es, sich immer wieder in Situationen zu bringen, die sie lösen müssen, Herausforderungen,...
The construction and finishing of an oil painting - Royal Talens
Malen mit Ölfarben

Aufbau und Fertigstellung eines Ölbildes

Ölfarbe ist in materialtechnischer Hinsicht die komplizierteste aller Farben, wenn es um die langfristige Haltbarkeit des Bildes geht. 
Oil paint Colour-mixing - Royal Talens
Malen mit Ölfarben

Farbmischung mit Ölfarbe

Mit Van Gogh-Ölfarbe in den drei Grundfarben Azogelb Zitrone 267, Chinacridonrosa 366, und Phthaloblau 570 können Sie ganz einfach Ihren...
Painting an ear - Royal Talens
Malen mit Ölfarben

Ein Ohr malen

Ohren werden von so vielen Künstlern ignoriert, dabei ist es unglaublich interessant, sie zu malen! Es gibt so viele interessante...
Painting a nose - Royal Talens
Malen mit Ölfarben

Eine Nase malen

„Heute werden wir eine Nase malen. Ich liebe Nasen! Und ich hoffe, dass ich ein Stück meiner Liebe mit dir...
Painting a blue eye - Royal Talens
Malen mit Ölfarben

Ein blaues Auge malen

Inspiration kann von überall kommen. Für dieses Auge wurde ich von einer unglaublichen Lackfarbe inspiriert - Königsblau. Ich wette, du...
Landscape painting - Royal Talens
Malen mit Ölfarben

Landschaft malen

In dieser Schritt-für-Schritt-Anleitung zeigt uns Anouk Bijsterbosch, wie man mit Rembrandt-Ölfarbe eine Freiluftlandschaft kreieren kann. Sehen Sie sich das Speed-Paint-Video an,...